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Island ohne Feuer oder bei Regen schützt Lesen
Island bewirbt sich mit dem Slogan Insel aus Feuer und Eis - doch war in drei Wochen das einzige Feuer, was wir zu sehen und fühlen bekamen, der auch im Sommermonat Juli flackernde Foyerkamin eines Hotels in der Rauchbucht. So die deutsche Übersetzung von Reykjavik, der Hauptstadt einer Insel, die in einigen Landesteilen sogar über eine Hot Line, einen direkten Kanal zum Erdmantel verfügt. Die Vulkanologen bezeichnen diese Hot Line als Hot Spot bzw. Manteldiapir. Allerdings wird Feuer über diese Verbindung auch nur alle paar Jahre, und auch hier nur temporär, verursacht. Desweiteren kocht zwar an vielen Stellen ständig das Wasser, aber eben ohne Feuer. Und wenn dieser Manteldiapir unter dem mittelatlantischen Rücken aufsteigend sich daher auch noch in die Spreizung der eurasischen und amerikanischen Kontinentalplatten mischt, und das ganze Island derzeit an den nördlichen Polarkreis verschoben liegt, dann ist es dort gerne kalt und nass und übers Jahr betrachtet mehr dunkel als hell. Und wenn deine (Isländer duzen sich brauchtümlich) Vorfahren den Wald, der da mal wuchs, recht flott verheizt haben, somit dein isländisches (Feuer)Wärmeleben immer ein auf Sparflamme geführtes war, benötigst du in dieser naturschönheitlichen Widrigkeit zum Menschbleiben UNBEDINGT ein kulturelles Lebensmittel: die geistige Leuchte.

Einer Nation, welches seine Landmasse einem Manteldiapir samt mehr als 30 Vulkansystemen verdankt, somit Aschenemissionen in unvorstellbaren Ausmaßen erfahren hat und wird, bleibt demnach nichts anderes übrig, als in heimatlichen Aschen zu lesen. In ihren energiesparenden, weil naturisolierten, Torfhäusern, in denen Körperwärme als Heizquelle genutzt werden konnte, daher sich auch manchmal bis zu 24 Personen ein Schlafzimmer teilten, denn sich dort unangenehmer Schweißgeruch aufgrund geringer Luftbakterienquote nicht verduften konnte, wurde SEHR VIEL gelesen. Und wenn keine Zeit zum Selberlesen war, kamen die Vorleser, die sowohl nach aber auch während der Heimarbeit Geschichten und Lieder vortrugen.

Wenn es jährlich dunkler als heller ist, dann habe ich als Isländer nur dann kein Erleuchtungsroblem, solange ich meine Kopflampe anschalten kann. Und deren Leuchten kann nur ein geistiges sein, dessen Brennstoff eingelesen werden muss, aus Büchern. Und so steht die Identität einiger Urisländer in dem Landnámabók, wie die Urliteratur aller Isländer die Edda ist, deren älteste Niederschrift auf Snorri Sturlosson zurückgeht.

Somit wir während unserer Reise zum ein Eingang vom Mittelpunkt der Erde in Island viel gelesen haben. In seiner Landschaft, die aussieht, wie unser Planet ausgesehen haben muss, als es noch keine Wälder und Menschen auf ihm wuchsen. Und wenn es in dem isländischen 2007-Sommer mal wieder geregnet hat, dann nahmen wir eines der u.a. Bücher und lasen im Zelt. Die Edda in deutscher Übersetzung (i.d. Übertragung von Felix Genzmer) die Edda in englischer Version (2003), jedoch aufwendig gestaltet und illustriert mit zahlreichen künstlerischen Werken (Asgrimur Jonsson, Max Beckmann, Johann Heinrich Fussli, Wassily Kandinsky, Anselm Kiefer uva ), in welchen Szenarien und Figuren des Edda-Epos interpretiert sind.

Und da wir Island ja gerade auch wegen der Vielfältigkeit seiner Vulkanismen bewundert haben, verlasen wir uns ganz besonders in vulkanthematische Bücher, in Werke, die das Sein in den Fantasien einer der geologisch aktivsten Zonen dieser Welt beschreiben und zeichnen. Um Ursachen, Vielfalt und Einmaligkeit dieser Vorgänge zu verstehen, genügt keiner der zahlreichen Bildbände, die überall in Island verkauft werden, nein, ich benötige hierzu das frischgedruckte und auch auf Deutsch erschienene Werk des Vulkanologen und Schriftstellers (sic!) Ari Trausti Gudmundsson. Seine Kompetenz leidet zwar streckenweise unter der deutschen Übersetzung, doch versiegen Anschaulichkeit und Verständlichkeit des Inhalts dadurch nicht, werden ständig optimiert durch erstklassige Grafiken und Fotografien. Wer damit durch Island reist, erhöht garantiert seinen Naturerlebniserfolg.

Seinen Kulturerlebniserfolg erhöht der Islandreisende anschließend durch die 212 Bildbetrachtungen des Buches Island - Framandi Land von Sumarlidi Isleifsson. Darin dieser den Fremdenblick auf Island von Reisenden vergangener Jahrhunderte versammelt hat, dadurch sich in fantastischen, landschaftlichen, somit zahlreichen vulkanischen, wie auch ethnologischen Darstellungen verdeutlicht, wie es zum Klischee Insel aus Feuer und Eis samt entsprechender Färbung des isländischen Gemüts gekommen ist.

DAS vulkanliterarische Feuerwerk aller von uns entdeckten Titelausbrüche in Island bildet jedoch zweifelsohne das Buch Fires of the earth - The Laki Eruption 1783-1784 von Jon Steingrimsson. Er was Pastor in Kirkjubæjarklaustur, als sich der mehmonatige Ausbruch des Laki-Vulkansystems ereignete. Dieser führte zu einer der größten Katastrophen in Island verbunden mit Hungersnöten und Todesfällen von einem Fünftel der einheimischen Bevölkerung. Der Schwefeldioxidausstoß dieser Eruption betrug das dreifache der gesamten Jahresproduktion Europas im Jahre 2006, führte zusammen mit anderen Emissionen zu Ernteausfällen und hungernden Menschen in halb Europa, trug nach Ansicht vieler Historiker mitentscheidend zum Ausbruch der Französischen Revolution bei.

Während sich Plinius d.J. in seinen Augenzeugenberichten über die Wirkungen des Vesuvausbruchs von 79 n.u.Z. nur auf einen kurzen Ereigniszeitraum beschränken mußte, denn die Überlebenden des großen Knalls und der Verschüttung von Pompeij, Herculaneum und ein paar anderen Orten am Golf von Neapel eben in den nicht betroffenen Vesuvnachbarschaften sofort eine neue Existenz aufbauen konnten, es somit für Plinius d.J. nichts Besonderes mehr zu schreiben gab, schrieb Jon Steingrimsson in der nicht endenwollenden Laki-Aktivität, in dieser zur Verzweiflung treibenden Endzeitatmosphäre, in der um seine Kirche herum nur noch Feuer- und Wasserfluten, veraschende Landschaften und verendendes Leben wuchsen, schrieb dieser nicht nur alle Beobachtungen wissenschaftlich und beinahe täglich nieder, nein Jon Steingrimsson philosophierte währenddessen auch über Kraft, Schauspiel und Sinn dieses Naturereignis, stellte seinen Gott in Frage, in einer Art, die ergriffen macht angesichts der unvorstellbaren Hoffnungslosigkeit, in der alle Betroffenen dieser Monate und deren jahredauernden Folgen trotzdem nicht kapitulieren wollten und/oder konnten.

Jon Steingrimsson's Buch ist nicht nur der spannendste Begleiter eines Islandbesuchs. Dieses Buch ist sogar ohne Islandreise wert, gelesen zu werden.

I.d. Übertragung von
Felix Genzmer
Die Edda
Götterdichtung, Spruchweisheit und Heldengesänge der Germanen
Köln 1981/83

Snorri Sturluson
Edda
Reykjavik 2003

Jon Steingrimsson
Fires of the earth - The Laki Eruption, 1783-1784
Nordic Volcanological Institute
Reykjavik 1907/1998

Sumarlidi Isleifsson
Island - Framandi Land
Reykjavik 1996

Ari Trausti Gudmundsson
Lebende Erde - Facetten der Geologie Islands
Reykjavik 2007

Text © Kain Karawahn 2007



 


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